Ortskunde

Ich erinnere mich an die Zeit in der ich für die Prüfung zur Erlangung des Personenbeförderungsscheins gelernt habe. In diesen acht Monaten waren Bezirke, Straßen, Objekte, An- und Zielfahrten Futter für mein Gehirn. Stadtpläne, Google Earth und die Taxischule gaben mir zwar Hilfestellung, aber der Transfer von Lernstoff ins Gehirn bzw. ins Gedächtnis unter Beachtung der räumlichen Orientierung in der größten Stadt Deutschlands ist zweifellos sehr anspruchsvoll. Es gab keinen Tag an dem ich nicht gelernt habe und manchmal war ich am Verzweifeln, wenn ich zum x-ten Male die Straßen in Wilmersdorf oder die Standorte der zahlreichen Krankenhäuser verwechselt habe.

Wie zuvor angedeutet, war es mein Ziel den Führerschein für die Personenbeförderung (kurz P-Schein) zu erlangen, um danach als Taxifahrer  meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Auf dem Weg dorthin gab es vier Hürden, die es zu überspringen galt.

Die erste Hürde: zweijähriger Besitz des Führerscheins der Klasse B und keine (oder wenige) Punkte in der Verkehrssünderkartei in Flensburg. Das war kein Problem.

Hürde 2: Verkehrstauglichkeit. Ich wurde vom Arzt auf Sehstärke, allgemeine Konstitution und Reaktionsvermögen getestet. Das Ergebnis war befriedigend. Bei diesem Reaktionstest, bei dem man nach Aufforderung bunte Tasten und Fußpedale drücken musste, kam ich mir etwas verloren vor. Aber der Doc meinte es wäre alles ok.

Bei der dritten Hürde wurde es dann wirklich ernst: die schriftliche Ortskundeprüfung bei der Berliner Taxiinnung: 30 Fragen über Plätze, Straßen und Objekte, die man schriftlich beantworten musste. Ich habe sofort bestanden und befand mich in einer krassen Minderheit. Denn die meisten der anderen Prüflinge gingen mit einem langen Gesicht wieder nach Hause.

Mit dem Bestehen der schriftlichen Prüfung erhielt ich die Zulassung zur mündlichen Ortskundeprüfung. Bei dieser Prüfung vor dem Prüfungsausschuss des Berliner Taxiverbandes musste ich als der Prüfling zwei von drei Fragen richtig beantworten. Klingt einfach, aber es ist unglaublich schwer und nur wenige bestehen diese Prüfung. Es geht um Fahrten von A nach B, bei der Abfahrt vom Ziel A bis zur Anfahrt zum Ziel B mit Nennung aller zu befahrenen Straßen und Plätzen mit korrekten Abbiegevorgängen aufgesagt werden muss. Sprich der Prüfling ist das Navi und der Ausschuss prüft es auf Herz und Nieren. An einem schönen Herbsttag im Oktober 2011 war mein Prüfungstermin und obwohl ich so nervös war, hatte sich meine exzessive Vorbereitung gelohnt, denn ich konnte die Prüfung beim ersten Versuch auf Anhieb bestehen.

Nach einem zusätzlich Funkkurs hieß es für mich: es geht los. Nun durfte ich Personen befördern. Schon in den ersten Tagen merkte ich, dass meine theoretische Ortskenntnis nur bedingt eine Hilfe ist. Denn der Fahrgast fährt nicht immer nach Schema F. Die Ortskunde ist ein Grundwerkzeug für alle Taxifahrer, aber so richtig auskennen tut man sich erst nach mehreren praktischen Jahren auf der Straße.

In diesem Blog versuche ich unter dem Punkt >Ortskunde< dem Laien einen kleinen Ausschnitt aus dem Berliner Großstadtdschungel zu zeigen. Dabei beschränke ich mich auf die wirklich wichtigen Plätze, Straßen und Objekte. Dazu gibt es von mir ein paar nette Anekdoten und Hinweise. Es ist nicht mein Ziel den kompletten Ortskundekatalog ins Internet zu stellen, das wäre auch viel zu aufwendig und nicht sinnführend. Es ist eine persönliche kleine Auswahl meinerseits.

 

Friedrichshain

Der Stadtteil Friedrichshain ist seit der Berliner Bezirksreform im Jahre 2001 Teil des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Für uns Taxifahrer ist der innerstädtische Stadtteil Friedrichshain so bedeutend, dass ich hier mal Kreuzberg bewusst weglasse und ihn später genauer betrachten möchte. Hier geht es zur Friedrichshain-Seite.