Taxi in der DDR

Die meisten meiner Kollegen sind deutlich älter als ich. Sie sind so um die 40 bis 50 Jahre alt. Einige Fahrer haben 30 Jahre und mehr Berufserfahrung auf dem Buckel. Sie sind alte Hasen, kennen jeden Winkel der Stadt und haben Geschichten auf Lager, die für mich als Grünschnabel fast unglaublich sind. Sehr oft geht es in diesen Geschichten um die gute alte Zeit. Damals zu Ostzeiten (also in der DDR und besonders in Ostberlin) war das Taxi Mangelware, die Kunden mussten sich wirklich um eine Beförderung bemühen, hatten Westgeld oder einfach Glück.Wie es der Zufall will, ist mein Schwiegervater in der DDR Taxifahrer gewesen. Sein Name ist Manfred Weber, wohnt in der Elbestadt Prettin (Sachsen-Anhalt) und ist knapp über 50 Jahre alt. Mit ihm machte ich mein erstes Interview und er hatte viel zu erzählen:

Nachtdroschke: In welcher Zeit warst Du Taxifahrer?

Manfred Weber: Von 1987 bis zu dem Jahr als die D-Mark in der DDR eingeführt wurde. Also im Sommer 1990 wollte kaum noch jemand Taxi fahren. Zum Jahresende war dann Schluss.

Ah das ist spannend. Wie war das genau zur Wendezeit? Was ist mit euch passiert?

Die potentiellen Fahrgäste haben ihre neue D-Mark natürlich festgehalten, so gut es ging. Viele verloren ihre Arbeit in den Betrieben, dadurch war das Taxi purer Luxus. Außerdem gab es nun Westautos im Überfluss, man musste nicht mehr 10 Jahre auf ein Auto warten. Der Betrieb wurde schließlich aufgelöst bzw. abgewickelt. Bei der Nachfolgefirma bin ich dann in den Lastfernverkehr gegangen. Irgendwann konzentrierte sich unsere Firma ausschließlich auf den Omnibusverkehr. Bis heute fahre ich Omnibusse im Nah- und Fernverkehr.

Was ist mit deinen früheren Kollegen?

Ich bin der Einzige von unseren damaligen Kollegen, der übrig geblieben ist. Die meisten sind mittlerweile in Rente. Ab und zu sieht man sich mal.

Kann man sich heute in Prettin überhaupt noch ein Taxi bestellen?

Ja es gibt noch einen Fuhrunternehmer, der eine Taxe betreibt. Er hat viele Privatfahrten für hilfebedürftige Leute, die über die Krankenkassen abgerechnet werden. Man kann ihn aber auch telefonisch bestellen.

Wie hieß damals eure Firma? War das ein Volkseigener Betrieb (VEB)?

Ja das war der VEB Kraftverkehr Lauchhammer.

Beim Stichwort VEB fallen mir Dinge ein wie Parteifunktionäre, politische Schulung oder Patenbrigaden. War das bei euch auch so oder war es eher locker?

Es gab sehr wohl Kollegen, die in der Partei (SED – Sozialistische Einheitspartei) waren. Da gab es auch Versammlungen. Für mich hatte das aber keine Bedeutung und ich musste daran auch nicht teilnehmen.

Gab es in eurem Betrieb nur Taxen oder hattet ihr auch andere Fahrzeuge wie z.B. Omnibusse?

Es gab nur eine Taxe bei uns in Prettin! Diese wurde im Dreischichtsystem bedient. Außerdem gab es 10 Milchtankwagen, normale LKW’s und auch Busse, die alle in diesem Betrieb zusammengefasst waren.

Es gab nur eine Taxe?

Ja. In Spitzenzeiten wie am Wochenende kam noch eine Taxe aus dem Nachbarort Holzdorf hinzu. Dann waren wir praktisch zwei.

Wie waren die Taxen in eurem Gebiet organisiert bzw. aufgeteilt?

Ich war zuständig für Prettin und den Bereich Jessen. Dann gab es noch weitere 5 Taxen im näheren Bereich Elbe/Elster, die andere Städte und Dörfer wie z.B. Holzdorf bedienten.

Gab es Taxihalteplätze, wo die Taxen bereitgestellt wurden?

Nein das gab es nicht. Die Kunden mussten im Betrieb eine Taxe telefonisch bestellen. Bereitgehalten haben wir uns tagsüber im Betriebsstützpunkt Jessen.

Wie war das mit dem Fahrgastaufkommen am Tag oder in der Nacht?

In der Woche war es die ganze Zeit relativ ruhig. Am Wochenende hatten wir nachts sehr viel zu tun.

Wie waren eure Taxen damals ausgestattet?

Es waren normale Autos. Wir hatten damals schon digitale Taxameter aus DDR-Produktion mit dem Namen Botax-80. Leider hatten wir keine Funkanlage an Bord. In Ostberlin und den anderen größeren Städten der DDR gab es Funktaxen. Bei uns war das nicht der Fall.

Wer war für Reparaturen und Autopflege zuständig?

Während der Pausen auf dem Betriebshof haben wir die Autos gesäubert bzw. gewaschen. Kleinere Reparaturen haben wir Fahrer je nach Können selbst erledigt.

Wie waren die Tarife in dieser Zeit? Gab es verschiedene Tarife, etwa für Tag- und Nachtfahrten?

Nein es wurde nicht in Tag und Nacht unterschieden. Entscheidend war die Automarke und der Fahrtwunsch. Für den Wolga zahlte man 70 Pfennig, für den Lada und den Wartburg 60 Pfennig pro gefahrenen Kilometer. Der Wolga war teurer in der Anschaffung und hat mit 12 Litern Benzin deutlich mehr verbraucht als ein Lada oder Wartburg, von daher gab es diesen Aufschlag von 10 Pfennig. Der Wolga war ein schönes Auto und sehr geräumig, ich hab gerne dieses Auto gefahren. Beim Fahrtwunsch gab es zwei Stufen. Die Stufe Null war die einfache Fahrt und die Stufe 1 war für Hin- und Rückfahrt.

 

Ein Taxi in Ostberlin im Jahre 1989. Copyright by Joergsam.

Ein Funktaxi in Ostberlin im Jahre 1989. Copyright joergsam

 

Von solchen Tarifen können die heutigen Fahrgäste ja nur träumen. Was hast Du damals eigentlich als Taxifahrer verdient?

Es waren ungefähr 1000 Mark netto. Das war ein durchschnittlicher Lohn in der DDR.

Wenn du dich so zurück erinnerst, gibt es da besondere Geschichten, die du gern erzählst?

Ja die Jalousie-Geschichte. Ein Fahrgast besuchte besonders gern eine Frau. Eines Abends erreichte uns ein Anruf aus einer Kneipe mit der Bitte, man möge einen Herren befördern. Also fuhr ich dorthin und der Fahrgast bat mich schon beim Einsteigen, bei Ankunft zu schauen ob bei dem Haus die Jalousie heruntergezogen ist und auf jeden Fall das Abblendlicht auszuschalten. Der Fahrgast erklärte, sollte die Jalousie unten sein, möge ich gleich weiterfahren und nicht anhalten. Sollte die Jalousie nur halb zu sein, dann könne er aussteigen und möchte den nächsten Morgen beizeiten wieder abgeholt werden. Bei halbgeschlossener Jalousie war der Ehemann nicht zu Hause und somit gäbe es eine passende Gelegenheit.

War die Jalousie geschlossen?

Ja. Mein Fahrgast hatte Pech, also fuhren wir wieder zurück. Bei einer weiteren netten Geschichte sollte ich im Herbst 1990 eine Frau vormittags vom Arzt abholen und nach Hause fahren. Das tat ich auch und als diese Frau ausstieg, hörte ich vom Haus gegenüber eine Frau rufen. Ob ich denn frei sei. Ich war frei. Die Frau sprach weiter, dass sie ihre Tochter überraschen möchte, die in Riesa wohnt (Riesa ist ungefähr 35 km von Prettin entfernt) und heute Geburtstag hat. Ich bot ihr an, dass wir fahren können. Wir fuhren los und diese Frau erzählte sehr viel. Als wir schließlich durch Torgau fuhren, meinte die Frau das ja so ein Westauto in dem sie gerade sitzt eine tolle Sache sei. Bei meinem Taxi handelte es sich aber um den neuesten Wolga-Typ aus der Sowjetunion. Das Auto war nagelneu und sah aus wie ein Auto aus dem Westen. Nachdem ich das der Frau erklärt hatte, war es bis zum Ziel in Riesa im Taxi mausestill. Die Frau wollte wohl bei ihrer Tochter stolz mit einer Westtaxe vorfahren und war nun etwas enttäuscht.

Meine Kollegen schwärmen heute noch vom Westgeld. Dazu kannst Du bestimmt auch was erzählen.

Eines Abends gab es einen Auftrag am Bahnhof Jessen. Speziell bei Fahrten vom Bahnhof mussten wir die Fahrgäste vor Fahrtantritt fragen, ob sie denn auch Bargeld dabei haben. Mein Fahrgast meinte er hätte genug Geld für die Fahrt. Also ging es los. Am Ziel ging es ans Bezahlen und der Fahrgast hielt mir einen 20-Mark-Schein hin. Mit Erstaunen sah ich aber einen 20-DM-Schein. Der Fahrgast war unsicher und fragte ob man auch mit Westgeld bezahlen kann. Ich meinte ja, aber das Wechselgeld gibt es nur in DDR-Mark! Auf dem Taxameter standen 12 Mark Ost. Er bezahlte 12 Mark West und bekam von mir 8 Mark Ost Wechselgeld zurück. Mein Kollege der mich morgens abgelöst hat, fiel fast um, als ich ihm den 20-DM-Schein gezeigt habe.

Was war deine teuerste bzw. weiteste Fahrt?

Ab und zu gab es Fahrten bis nach Berlin (ca. 120 km) für die es ca. 80 Mark gab. Wir fuhren die Fahrgäste bis zum Flughafen Schönefeld. Von dort ging die Fahrt für die Fahrgäste weiter mit den Berliner Kollegen, weil wir uns überhaupt nicht auskannten im Berliner Gebiet. Auch nach Halle bin ich mal mit einer Frau von Jessen aus gefahren. Die Frau behauptete sie kenne sich in Halle aus, was aber dann doch nicht der Fall war, wir machten weite Wege. Ihrem Blick aufs Taxameter folgte die Frage ob das der Preis für die Hin- und Rückfahrt sei. Es war aber der normal Preis ohne Rückfahrt.

Bist Du seit 1990 überhaupt nochmal privat mit dem Taxi gefahren?

Nein dazu kam es nie. Ich habe ein eigenes Auto und war seitdem nie wieder auf ein Taxi angewiesen.

Vielen Dank für das Interview.

 

Hier noch ein paar externe Links zum Thema Taxi in der DDR:

 

Hinweis: Das Bild vom Wolga-Taxi stammt von Joergsam und wurde der Internetenzyklopädie Wikipedia unter Beachtung der Bildrechte entnommen.