Ausnahmezustand

 Thomas Max Müller  / pixelio.de

Thomas Max Müller / pixelio.de

Der gestrige Abend war eine echte Herausforderung. Diesmal war es nicht die Jagd nach Fahrgästen, nein diesmal waren es die Witterungsverhältnisse, die absolute Konzentration und ein feines Füßchen für Gaspedal und Bremse verlangten.

Um 18 Uhr schlitterte ich zum Taxi. Grund für das Gerutsche war eine Extremwetterlage, bei der sich eine wärmere Luftschicht über eine kältere geschoben hat. Aus der warmen Schicht regnete es. Der Regen fiel auf den gefrorenen Boden -> Blitzeis. Eigentlich mag ich nicht bei Eis fahren, aber Arbeit ist halt Arbeit.

Bei der Anmeldung ans Vermittlungssystem war klar: heute sind nicht viele Taxen unterwegs und die Nachfrage nach selbigen ist hoch. Und so kam es natürlich auch. Viele Fahraufträge mit kurzen Routen.

Gleich beim ersten Auftrag wurde es gefährlich. Ich musste zur Wartenbergstraße. Eine kleine Seitenstraße zwischen Wilhelm-Guddorf-Straße und Wiesenweg. Der Straßenbelag besteht dort aus Kopfsteinpflaster und war komplett vereist. Der Kunde winkte schon von weitem und ich habe ganz vorsichtig versucht zu bremsen, aber da war nichts zu machen. Mit 5 km/h rutschte ich seitlich weg und bekam es echt mit der Angst zu tun. Nach etwa 20 Metern kam ich schief zum stehen. Nur 2 Meter von einem parkenden Transporter entfernt. Der Fahrgast stieg ein und meinte: “Respekt. Gutes Bremsmanöver.” Mit 2 km/h habe wir uns dann aus der Wartenbergstraße heraus bewegt und das Ziel Richtung Neukölln anvisiert.

Etwas später ein Auftrag in den S-Bahnbögen am neuen Parkhaus an der O2-World. Eine Business-Lady mit Hight-Heels kam mit ihrem Smart nicht vorwärts und brauchte ein Taxi. Sie gestikulierte heftig und schimpfte wie ein Rohrspatz. “So eine verdammte Scheisse. Ich komme nicht vom Fleck und laufen kann ich mit den Schuhen nicht. Fahren sie mich bitte zur Libauer Straße.” Im Schritttempo habe ich auch diesen Auftrag bewältigt.

An der Rettungsstelle im Krankenhaus am Friedrichshain war die Hölle los. Die Leute standen im Warteraum, weil es keine Sitzplätze gab. Mein Taxi war unglaublich gefragt. Gleich drei Fahrgäste wollten mit mir mitfahren. Wann hat man das schon mal? Jedenfalls entschied ich mich für den Fahrgast, der am meisten gehandicapt war. Ein Rentner mit Gipsarm und Gehhilfe durfte einsteigen.

Im Radio hörte ich, dass die Feuerwehr den Ausnahmezustand ausgerufen hatte und nach meiner Fahrt vom Krankenhaus wusste ich auch warum. Die Einsatzkräfte waren am Limit und die Krankenhäuser waren total überfordert. Wir Taxifahrer gaben unser Bestes, aber wir waren gestern Abend zu wenige. Die hochfrequentierten Taxihalteplätze am Ring-Center und am Ostbahnhof waren bis 21 Uhr komplett leer.

Der letzte Fahrgast an diesem Abend war ein Anwalt aus der Samariterstraße. Sein Jaguar wollte nicht aus der Tiefgarage. Beim Versuch die Schräge hinauf zu fahren, rutschte er nach seinen Angaben mehrmals seitlich weg. Schließlich gab er auf und bestellte sich mein Taxi. Der Anwalt war (wie so viele) mächtig genervt, aber doch froh das ich ihn nach Hause bringen konnte.

Viele kleine Fahrten hatte ich gestern. Etwa 20 Stück waren es dann am Ende. Umsatztechnisch war es zwar nicht überragend, aber es war doch eine denkwürdige Schicht, die ich so schnell nicht vergessen werde. All meine Fahrgäste sind gut nach Hause gekommen und Gott sei Dank habe ich keinen Unfall gebaut.  ;-)